Walther is acknowledged as the author of 100-plus poems. The selection of 48 transcribed here represents as many as we can hope to look at during a one-semester course.

The sequence follows Wapnewski’s edition (as also does the orthography, in the main) since it is his Fischer-Bücherei anthology that we are using in class. Also provided are cross-references to Lachmann’s Walther edition and to the translations prepared by Harry Heyworth.

Wap.

 

Lach.

Heyw.

2

Maneger frâget waz ich klage

13,33

---

3

Hêrre got, gesegene mich vor sorgen

115,6

---

4

Ein man verbiutet âne pfliht

111,22

---

5

Si wundervol gemachet wîp

53,25

---

6

Mir tuot einer slahte wille

113,31

---

7

Ir sult sprechen willekomen

56,14

---

8

Owê, daz wîsheit unde jugent

82,24ff.

9

9

Ich fröidehelfelôser man

54,37

---

12

Saget mir ieman, waz ist minne?

69,1

---

14

Lange swîgen des hât ich gedâht

72,31

18

15

Zwô fuoge hân ich doch, swie ungefüege is sî

47,36

---

16

Muget ir schouwen waz dem meien

51,13

---

17

Diu welt was gelf, rôt unde blâ

75,25

---

19

Dô der sumer kumen was

94,11

2

20

In einem zwîvellîchen wân

65,33

---

21

Herzeliebez frouwelîn

49,25

---

24

Under der linden

39,11

3

26

Aller werdekeit ein füegerinne

46,32

---

28

Ob ich mich selben rüemen sol

62,6

---

31

Frô welt, ir sult dem wirte sagen

100,24

---

32

Ir reinen wîp, ir werden man

66,21

---

33

Owê, war sint verswunden

124,1

20

34

Allerêrst lebe ich mir werde

14,38

---

35

Ich hôrte ein wazzer diezen

8,28

7

36

Ich saz ûf eime steine

8,4

6

37

Ich sach mit mînen ougen

9,16

8

40

Dô Friderich ûz Osterrîch alsô gewarp

19,29

5

41

Künc Constantîn der gap sô vil

25,11

---

44

Philippe, künec hêre

16,36

---

47

Hêr keiser, ich bin frônebote

12,6

---

48

Hêr bâbest, ich mac wol genesen

11,6

---

49

Dô gotes sun hie in erde gie

11,18

---

50

Ir bischofe und ir edeln pfaffen sît verleitet

33,1

---

51

Ahî, wie kristenlîche nu der bâbest lachet

34,4

11

52

Sagt an, hêr stoc, hât iuch der bâbest her gesendet

34,14

12

53

Swelch herze sich bî disen zîten niht verkêret

34,24

---

54

"Sît willekomen, hêr wirt": dem gruoz muoz ich

31,23

14

55

Vil wol gelopter got, wie selten ich dich prîse

26,3

---

58

Von Rôme vogt, von Pülle künec, lât iuch erbarmen

28,1

---

59

Ich hân mîn lêhen, al die werlt, Ich hân mîn lêhen

28,31

15

60

Drî sorge habe ich mir genomen

84,1

---

61

Mir ist verspart der sælden tor

20,31

---

62

Nû wil ich mich des scharphen sanges ouch genieten.

32,7

---

63

Der in den ôren siech von ungesühte sî

20,4

---

66

Nieman kan mit gerten

87,1

---

67

Man seit mir ie von Tegersê

104,23

13

69

Rît ze hove, Dietrich

82,11

---

70

Wer sleht den lewen? wer sleht den risen?

81,7

---

A. ‘Liebeslieder.

Wap.2: (‘frühes Minnelied’ Wap.)

1. Maneger frâget waz ich klage,
unde giht des einen daz ez iht von herzen gê.
Der verliuset sîne tage:
wand im wart von rehter liebe weder wol noch wê:
Des ist sîn geloube kranc. 5
swer gedæhte
waz diu minne bræhte
der vertrüge mînen sanc.

2. Minne ist ein gemeinez wort,
und doch ungemeine mit den werken: dêst alsô. 10
Minne ist aller tugende ein hort:
âne minne wirdet nimer herze rehte frô.
Sît ich den gelouben hân,
Frouwe Minne,
fröit ouch mir die sinne. 15
mich müet, sol mîn trôst zergân.

3. Mîn gedinge ist, der ich bin
holt mit rehten triuwen, dazs ouch mir daz selbe sî.
Triuget dar an mich mîn sin,
sô ist mînem wâne leider lützel fröiden bî. 20
Neinâ hêrre! sist sô guot,
swenne ir güete
erkennet mîn gemüete,
daz si mir daz beste tuot.

4. Wiste si den willen mîn, 25
liebes und guotes des wurd ich von ir gewert.
Wie möht aber daz nû sîn,
sît man valscher minne mit sô süezen worten gert?
Daz ein wîp niht wizzen mac
wer si meine: 30
disiu nôt alleine
tuot mir manegen swæren tac.

5. Der diu wîp alrêrst betrouc,
der hât beide an mannen und an wîben missevarn.
In weiz waz diu liebe touc, 35
sît sich friunt gein friunde niht vor valsche kan bewarn.
Frouwe, daz ir sælic sît !
lât mit hulden
mich den gruoz verschulden,
der an friundes herzen lît. 40


Wap.3: (‘aus der Reinmarfehde’ Wap.)

1. Hêrre got, gesegene mich vor sorgen,
daz ich vil wünneclîche lebe.
Wil mir ieman sîne fröide borgen,
daz i’m ein ander wider gebe?
Die vinde ich vil schiere ich weiz wol wâ: 5
wan ich liez ir wunder dâ;
der ich vil wol mit sinnen
getriuwe ein teil gewinnen.

2. Al mîn fröide lît an einem wîbe:
der herze ist ganzer tugende vol, 10
Und ist sô geschaffen an ir lîbe
daz man ir gerne dienen sol.
Ich erwirbe ein lachen wol von ir.
des muoz si gestaten mir:
wie mac si ez behüeten, 15
ich enfröuwe mich nâch ir güeten.

3. Als ich under wîlen zir gesitze,
sô si mich mit ir reden lât,
Sô benimt si mir sô gar die witze,
daz mir der lîp alumme gât. 20
Swenne ich iezuo wunder reden kan,
gesihet si mich einest an,
sô hân ich ez vergezzen,
waz wolde ich dar gesezzen.


Wap.4: (‘aus der Reinmarfehde’ Wap.)

In dem dône: Ich wirbe umb allez daz ein man.

1. Ein man verbiutet âne pfliht
ein spil, des im ouch nieman wol gevolgen mac.
Er sprichet, swenne ein wîp ersiht
sîn ouge, daz si sî sîn ôsterlîcher tac.
Wie wære uns andern liuten sô geschehen, 5
suln wir im alle sînes willen jehen?
Ich bin derz im versprechen muoz:
bezzer wære mîner frouwen senfter gruoz.
deist mates buoz!

2. "Ich bin ein wîp daher gewesen 10
sô stæte an êren und ouch alsô wol gemuot:
Ich trûwe ouch noch vil wol genesen,
daz mir mit stelne nieman keinen schaden tuot.
Swer küssen hie ze mir gewinnen wil,
werbe aber mit fuoge und anderm spil. 15
ist daz ez im wirt ê iesâ,
er muoz sît iemer sîn mîn diep, und habe im dâ
und anderswâ."


Wap.5: (‘aus der Reinmarfehde’ Wap.)

1. Si wundervol gemachet wîp,
daz mir noch werde ir habedanc!
Ich setze ir minneclîchen lîp
vil werde in mînen hôhen sanc.
Gern ich in allen dienen sol, 5
doch hân ich mir dise ûz erkorn.
ein ander weiz die sînen wol:
die lob er âne mînen zorn;
hab ime wîs unde wort
mit mir gemeine: lob ich hie, sô lob er dort. 10

2. Ir houbet ist sô wünnenrîch,
als ez mîn himel welle sîn.
Wem solde ez anders sîn gelîch?
es hât uch himeleschen schîn:
Dâ lihtent zwêne sternen abe, 15
dâ müeze ich mich noch inne ersehen,
daz si mirs alsô nâhen habe!
sô mac ein wunder wol geschehen:
ich junge, und tuot si daz,
und wirt mir gernden siechen seneder siuhte baz. 20

3. Got hât ir wengel hôhen flîz,
er streich sô tiure varwe dar,
Sô reine rôt, sô reine wîz,
hie rœseloht, dort liljenvar.
Ob ichz vor sünden tar gesagen, 25
sô sæhe ichz iemer gerner an
dan himel oder himelwagen.
owê waz lobe ich tumber man?
mach ich si mir ze hêr,
vil lîhte wirt mir mîns mundes lop mîns herzen sêr. 30

4. Sie hât ein küssen, daz ist rôt.
gewünne ich daz für mînen munt,
Sô stüende ich ûf von dirre nôt
und wære ouch iemer mê gesunt.
Swâ si daz an ir wengel legt, 35
dâ wære ich gerne nâhen bî:
ez smecket, sô manz iender regt,
alsam ez vollez balsmen sî:
daz sol si lîhen mir.
swie dicke sô sîz wider wil, sô gibe ichz ir. 40

5. Ir kel, ir hende, ietweder fuoz,
daz ist ze wunsche wol getân.
Ob ich da enzwischen loben muoz,
sô wæne ich mê beschouwet hân.
Ich hete ungerne "decke blôz!" 45
gerüefet, do ich si nacket sach.
si sach mich niht, do si mich schôz,
daz mich noch sticht als ez dô stach,
swann ich der lieben stat
gedenke, dâ si reine ûz einem bade trat. 50


Wap.6: (‘aus der Reinmarfehde’ Wap.)

1. "Mir tuot einer slahte wille
sanfte, und ist mir doch darunder wê.
Ich minne einen ritter stille.
dem enmag ich niht versagen mê
Des er mich gebeten hât. 5
tuon ich des niht, mich dunket
daz mîn niemer werde rât.

2. Dicke dunke ich mich sô stæte
mînes willen. so mir daz geschicht,
Swie vil er mich denne bæte, 10
al die wîle daz enhulfe niht.
Ieze hân ich den gedanc:
waz hilfet daz? der muot
enwert niht einen tages lanc.

3. Wold er mich vermîden mêre! 15
jâ versuochet er mich alze vil.
Ouwê des fürht ich vil ze sêre,
daz ich müeze volgen swes er wil.
Gerne het ichz nû getân,
wan deichz im muoz versagen 20
und wîbes êre sol begân.

4. In getar vor tûsent sorgen,
die mich tougen in dem herzen mîn
Twingent âbent unde morgen,
leider niht getuon den willen sîn. 25
Daz ichz iemer einen tac
sol fristen, dêst ein klage
diu mir ie bî dem herzen lac.

5. Sît daz im die besten jâhen
daz er alsô schône künne leben, 30
Sô hân ich im mir vil nâhen
inme herzen eine stat gegeben,
Dâ noch nieman in getrat.
si hânt daz spil verlorn,
er eine tuot in allen mat." 35


Wap.7: (‘aus der Reinmarfehde’ Wap. ‘Erstes Preislied’)

1. Ir sult sprechen willekomen:
der iu mære bringet, dax bin ich.
Allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû frâget mich.
Ich wil aber miete: 5
wirt mîn lôn iht guot,
ich gesage iu lîhte daz iu sanfte tuot.
Seht waz man mir êren biete.

2. Ich wil tiuschen frouwen sagen
solhiu mære daz si deste baz 10
Al der werlte suln behagen:
âne grôze miete tuon ich daz.
Waz wold ich ze lône?
Si sint mir ze hêr.
Sô bin ich gefüege und bite si nihtes mêr 15
wan daz si mich grüezen schône.

3. Ich hân lande vil gesehen
unde nam der besten gerne war:
Übel müeze mir geschehen,
kunde ich ie mîn herze bringen dar 20
Daz im wol gevallen
wolde fremeder site.
Nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite?
Tiuschiu zuht gât vor in allen.

4. Von der Elbe unz an den Rîn 25
und her wider unz an Ungerlant
Mugen wol die besten sîn,
die ich in der werlte hân erkant.
Kan ich rehte schouwen
guot gelâz unt lîp, 30
sem mir got, sô swüere ich wol daz hie diu wîp
bezzer sint danne ander frouwen.

5. Tiusche man sint wol gezogen,
rehte als engel sint diu wîp getân.
Swer si schildet, derst betrogen: 35
ich enkan sîn anders niht verstân.
Tugent und reine minne,
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant: da ist wünne vil !
lange müeze ich leben dar inne ! 40

6. Der ich vil gedienet hân
und iemer mêre gerne dienen wil,
Diust von mir vil underlân.
Iedoch sô tuot si leides mir sô vil.
Si kan mir versêren 45
herze und den muot.
Nû vergebez ir got dazs an mir missetuot.
Her nâch mac si sichs bekêren.


Wap.8: (Walthers Elegie für Reinmar. ‘aus der Reinmarfehde’ Wap. Leopoldston.)

1. Owê, daz wîsheit unde jugent,
des mannes schœne noch sîtugent
niht erben sol, sô ie der lîp erstirbet!
Daz mac wol klagen eine wîser man,
der sich des schaden versinnen kan, 5
Reimâr, waz guoter kunst an dir verdirbet.
Dû solt von schulden iemer des geniezen,
daz dich des tages wolte nie verdriezen,
dûn spræches ie den frouwen wol mit […] siten.
des süln si iemer danken dîner zungen. 10
hetst anders niht wan eine rede gesungen:
"so wol dir wîp, wie reine ein nam!", dû hetest alsô gestriten
an ir lop daz elliu wîp dir gnâden solten biten.

2. Dêswâr, Reimâr, dû riuwes mich
michels harter danne ich dich, 15
ob dû lebtes und ich wær erstorben.
Ich wilz bî mînen triuwen sagen,
dich selben wolte ich lützel klagen:
ich klage dîn edelen kunst, daz si ist verdorben.
Dû kundest al der werlte fröide mêren, 20
sô duz ze guoten dingen woltes kêren.
mich riuwet dîn wol redender munt und dîn vil süezer sanc,
daz die verdorben sint bî mînen zîten.
daz dû niht eine wîle mohtest bîten!
sô leiste ich dir geselleschaft: mîn singen ist niht lanc. 25
dîn sêle müeze wol gevarn, und habe dîn zunge danc.


Wap.9: (‘zur Minne-Auseinandersetzung’ Wap.)

1. Ich fröidehelfelôser man,
warumbe mach ich manegen frô,
Der mir des niht gedanken kan?
owê, wie tuont die friunde sô?
Jâ, friunt ! waz ich von friunden sage! 5
het ich dekeinen, der cvernæme ouch mîne klage.
nû enhân ich friunt, nû enhân ich rât:
nû tuo mir swie dû wellest, minneclîchiu Minne,
sît niemen mîn genâde hât.

2. Vil minneclîchiu Minne, ich hân 10
von dir verloren mînen sin.
Dû wilt gewalteclîchen gân
in mînem herzen ûz unt in.
Wie mac ich âne sin genesen?
dû wonest an sîner stat, da’r inne solte wesen: 15
dû sendest in dû weist wol wâr.
dâ enmac er leider niht erwerben, frouwe Minne.
owê, dû soltest selbe dar.

3. Genâde, frouwe Minne! ich wil
dir umbe dise boteschaft 20
Noch füegen dînes willen vil:
wis wider mich nû tugenthaft.
Ir herze ist rehter fröiden vol,
mit lûterlîcher reinekeit gezieret wol.
erdringest dû dâ dîne stat, 25
sô lâ mich in, daz wir si mit ein ander sprechen.
mir missegie, dô ichs eine bat.

4. Genædeclîchiu Minne, lâ:
war umbe tuost dû mir sô wê?
Dû twingest hie, nû twing ouch dâ, 30
und sich wâ sie dir widerstê.
Nu wil schouwen ob du iht tügest.
dun darft niht jehen daz dû in ir herzen enmügest:
ezn wart nie slôz sô manicvalt,
daz ez vor dir gestüende, du diebe mesiterinne. 35
tuon ûf! si ist wider dich ze balt.

5. Wer gap dir, Minne, den gewalt,
daz dû doch sô gewaltic bist?
Dû twingest beide jinc und alt;
dâ für kan niemen keinen list. 40
Nû lob ich got, sît dîniu bant
mich sulen twingen, deich sô rehte hân erkant
wâ dienest werdeclîchen lît.
dâ von enkume ich niemer. Gnâde, ein küniginne!
lâ mich dir leben mîne zît. 45


Wap.12: (‘zur Minne-Auseinandersetzung’ Wap.)

1. Saget mir ieman, waz ist minne?
weiz ich des eine teil, sô wist ichs gerne mê.
Der sich baz denn ich versinne,
der berihte mich durch waz si tuot sô wê.
Minne ist minne, tuot si wol. 5
tuot si wê, so enheizet si niht reht e minne.
sus enweiz ich danne wie si heizen sol.

2. Ob ich rehte râten künne
waz diu minne sî, sô sprechet denne "ja"!
Minne ist zweier herzen wünne: 10
teilent si gelîche, sost diu minne dâ.
Sol abe ungeteilet sîn,
sô enkans ein herze alleine niht enthalten.
owê woldest du mir helfen, frouwe mîn!

3. Frouwe, ich trage ein teil ze swære. 15
wellest dû mir helfen, sô hilf an der zît.
Sî abe ich dir gar unmære,
daz sprich endelîche: sô lâz ich den strît,
Unde wirde ein ledic man.
du solt aber einez rehte wizzen, frouwe: 20
daz dich lützel iemen baz geloben kan.

4. Kan mîn frouwe süeze siuren?
wænet si daz ich ir liep gebe umbe leit?
Sol ich si dar umbe tiuren
daz siz wider kêre an mîne unwerdekeit? 25
Sô kunde ich unrehte spehen!
wê waz sprich ich ôrenlôser ougen âne?
den diu minne blendet, wie mac der gesehen?


Wap.14: (‘zur Minne-Auseinandersetzung’ Wap.)

1. Lange swîgen des hât ich gedâht;
nû wil ich singen aber als ê.
Dar zuo hânt mich guote liute brâht;
die mugen mir wol gebieten mê.
Ich sol singen unde sagen, 5
und swes si gern, daz sol ich tuon:
sô suln si mînen kumber klagen.

2. Hœret wunder, wie mir ist geschehen
von mîn selbes arebeit:
Mich enwil ein wîp niht an gesehen! 10
die brâht ich in die werdekeit,
Daz ir muot sô hôhe stât.
jon weiz si niht, swenn ich mîn singen
lâze, daz ir lop zergât.

3. Hêrre, waz si flüeche lîden sol, 15
swenn ich nû lâze mînen sanc!
Alle die nû lobent, daz weiz ich wol,
die scheltent danne âne mînen danc.
Tûsent herze wurden frô
von ir genâden; dius engeltent, 20
lât si mich verderben sô.

4. Dô mich dûhte daz si wære guot,
wer was ir bezzer dô danne ich?
Dêst ein ende; swaz si mir getuot,
des mac ouch si verwænen sich: 25
Nimet si mich von dirre nôt,
ir leben hât mînes lebennes êre:
stirbe ab ich, sô ist si tôt.

5. Sol ich in ir dienste werden alt,
die wîle junget si niht vil. 30
So ist mîn hâr vil lîhte sô gestalt,
dazs einen jungen danne wil.
Sô helfe iu got, hêr junger man,
sô rechet mich und gêt ir alten
hût mit sumerlaten an. 35


Wap.15: (‘zur Minne-Auseinandersetzung’ Wap.)

1. Zwô fuoge hân ich doch, swie ungefüege ich sî;
der hân ich mich von kinde her vereinet:
Ich bin den frôn bescheidenlîcher fröide bî,
und lache ungerne sô man bî mir weinet.
Durch die liute bin ich frô, 5
durch die liute wil ich sorgen.
ist mir anders danne alsô,
waz darumbe? ich wil doch borgen.
swie si sint sô wil ich sîn,
daz si niht verdrieze mîn. 10
manegem ist unmære
swaz einem andern were:
der sî ouch bî den liuten swære.

2. Hie vor, dô man sô rehte minneclîchen warp,
dô wâren mîne sprüche fröiden rîche: 15
Sît daz diu minneclîche minne alsô verdarp,
sît sanc ouch ich ein teil unminneclîche.
Iemer als ez danne stât,
alsô sol man danne singen.
swenne unfuoge nû zergât, 20
sô sing aber von höfschen dingen.
noch kumpt fröide und sanges tac:
wol im, ders erbeiten mac,
derz gelouben wolte!
so erkande ich wol die fuoge, 25
wenn und wie man singen solte.

3. Ich sage iu, waz uns den gemeinen schaden tuot:
diu wîp gelîchent uns ein teil ze sêre.
Daz wir in alsô liep sîn übel als guot,
seht, daz gelîchen nimet uns fröide und êre. 30
Schieden uns diu wîp als ê,
daz si sich ouch liezen scheiden,
daz gefrumet uns iemer mê,
mannen und wîben, beiden.
waz stêt übel, waz stêt wol, 35
sît man uns niht scheiden sol?
edeliu wîp, gedenket
daz ouch die man waz kunnen:
gelîchents iuch, ir sît gekrenket.

4. ‘Wîp’ muoz iemer sîn der wîbe hôhste name, 40
und tiuret baz dan ‘frouwe’, als ichz erkenne.
Swâ nû deheiniu sî diu sich ir wîpheit schame,
diu merke disen sanc und kiese denne.
Under frouwen sint unwîp,
under wîben sint si tiure. 45
wîbes name und wîbes lîp
die sint beide vil gehiure.
swiez umb alle frouwen var,
wîp sîn alle frouwen gar!
zwîvellop daz hœnet, 50
als underwîlen ‘frouwe’:
‘wîp’ dêst ein name ders alle krœnet.

5. Ich sanc hie vor den frouwen umbe ir blôzen gruoz:
den nam ich wider mîme lobe ze lône.
Swâ ich des geltes nû vergebene warten muoz, 55
dâ lobe ein ander, den si grüezen schône.
Swâ ich niht verdienen kan
einen gruoz mit mînem sange,
dar kêr ich vil hêrscher man
mînen nac ode ein mîn wange. 60
daz kît, "mir ist umbe dich
rehte als dir ist umbe mich."
ich wil mîn lop kêren
an wîp die kunnen danken:
waz hân ich von den überhêren? 65


Wap.16: (‘Mädchenlied’ Wap.)

1. Muget ir schouwen waz dem meien
wunders ist beschert?
Seht an pfaffen, seht an leien,
wie daz allez vert.
Grôz ist sîn gewalt: 5
ine weiz obe er zouber künne:
swar er vert in sîner wünne,
dân ist niemen alt.

2. Uns wil schiere wol gelingen.
wir suln sîn gemeit, 10
tanzen lachen unde singen,
âne dörperheit.
Wê wer wære unfrô?
sît die vogele alsô schône
singent in ir besten dône – 15
tuon wir ouch alsô!

3. Wol dir, meie, wie dû scheidest
allez âne haz!
Wie du walt und ouwe kleidest,
und die heide baz! 20
Diu hât varwe mê.
"du bist kurzer, ich bin langer",
alsô strîtents ûf dem anger,
bluomen unde klê.

4. Rôter munt, wie dû dich swachest! 25
lâ dîn lachen sîn.
Scham dich daz dû mich an lachest
nâch dem schaden mîn!
Ist daz wol getân?
owê sô verlorner stunde, 30
sol von minneclîchem munde
solch unminne ergân!

5. Daz mich, frouwe, an fröiden irret,
daz ist iuwer lîp.
An iu einer ez mir wirret, 35
ungenædic wîp!
Wâ nemt ir den muot?
ir sî doch genâden rîche:
tuot ir mir ungnædeclîche,
sô sît ir niht guot. 40

6. Scheidet, frouwe, mich von sorgen,
liebet mir die zît!
Oder ich muoz an früiden borgen.
daz ir sælic sît!
Muget ir umber sehen? 45
sich fröit al diu welt gemeine:
möhte mir von iu ein kleine
fröidelîn geschehen!


Wap.17:

1. Diu welt was gelf, rôt unde blâ,
grüen in dem walde und anderswâ:
kleine vogele sungen dâ.
nû schrîet aber diu nebelkrâ.
pfligt si iht ander varwe? jâ: 5
sist worden bleich und übergrâ.
des rimpofet sich vil manic brâ.

2. Ich saz ûf einem grüenen lê;
da ensprungen bluomen unde klê
zwischen mir und eime sê: 10
der ougenweide ist niht mê.
dâ wir schapel brâchen ê,
dâ lît nû rîfe unde snê.
daz tuot den vogellînen wê.

3. Die tôren sprechent "snîâ, snî", 15
die armen liute "owê, owî".
des bin ich swære alsam ein blî.
der wintersorge hân ich drî.
swaz der unt der andern sî,
der wurde ich alse schiere frî, 20
wær uns der sumer nâhe bî.

4. Ê danne ich lange lebt alsô,
den krebz wolt ich ê ezzen rô.
sumer, mache uns aber frô!
dû zierest anger unde lô: 25
mit den bluomen spilt ich dô,
mîn herze swebt in sunnen hô:
daz jaget den winter in ein strô.

5. Ich bin verlegen als Êsâû:
mîn sleht hâr ist mir worden rû. 30
süezer sumer, wâ bist dû?
jâ sæhe ich gerner veltgebû.
ê deich lange in selher drû
beklemmet wære als ich bin nû,
ich wurde ê münch ze Toberlû. 35


Wap.19:

1. Dô der sumer komen was,
unde die bluomen dur daz gras
wünneclîchen sprungen,
aldâ die vogele sungen,
dô kom ich gegangen 5
an einen anger langen,
dâ ein lûter brunne entspranc:
vor dem walde was sîn ganc,
dâ diu nahtegale sand.

2. Bî dem brunnen stuont ein boum. 10
dâ gesach ich einen troum.
ich was von der sunnen
entwichen zuo dem brunnen,
daz diu linde mære
mir küelen schaten bære. 15
bî dem brunnen ich gesaz,
mîner sorgen ich vergaz,
schier entslief ich umbe daz.

3. Dô bedûhte mich zehant
wie mir dienten elliu lant, 20
wie mîn sêle wære
ze himel âne swære,
und der lîp hie solte
gebâren swie er wolte.
dâne was mir niht ze wê. 25
got gewaldes, swiez ergê:
schœner troum enwart nie mê.

4. Gerne slief ich iemer dâ,
wan ein unsæligiu krâ
diu begonde schrîen. 30
daz alle krâ gedîen
als ich in des günne!
sie nam mir michel wünne.
von ir schrîenne ich erschrac:
wan daz dâ niht steines lac, 35
sô wær ez ir suonestac.

5. Ein vil wunderaltez wîp
diu getrôste mir den lîp:
die begonde ich eiden.
nû hât si mir bescheiden 40
waz der troum bediute.
daz merket, lieben liute:
zwên und einer, daz sint drî!
dannoch seit si mir dabî
daz mîn dûme ein vinger sî. 45


Wap.20: (Mädchenlied)

1. In einem zwîvellîchen wân
was ich gesezzen und gedâhte,
Ich wolte von ir dienste gân;
wan daz ein trôst mich wider brâhte.
Trôst mag ez rehte niht geheizen, owê des! 5
ez ist vil kûme ein kleinez trœstelîn,
sô kleine, swenne ichz iu gesage, ir spottet mîn.
doch fröut sich lützel iemen, er enwizze wes.

2. Mich hât ein halm gemachet frô!
er giht, ich sül genâde vinden. 10
Ich maz daz selbe kleine strô,
als ich hie vor gesach von kinden.
Nû hœret unde merket ob siz denne tuo:
"si tuot, si entuot, si tuot, si entuot, si tuot."
swie dicke ichz alsô maz, so was daz ende ie guot. 15
daz trœstet mich: dâ hœret ouch geloube zuo.


Wap.21: (Mädchenlied)

1. Herzeliebez frouwelîn,
got gebe dir hiute und iemer guot!
Kund ich baz gedenken dîn,
des hete ich willeclîchen muot.
Waz mac ich dir sagen mê, 5
wan daz dir niemen holder ist? owê, davon mir ist vil wê.

2. Si verwîzent mir, daz ich
ze nidere wende mînen sanc.
Daz si niht versinnent sich
waz liebe sî, des haben undanc! 10
Sie getraf diu liebe nie,
die nâch dem guote und nâch der schœne minnent; wê, wie minnent die?

3. Bî der schœne ist dicke haz;
zer schœne niemen sî ze gâch.
Liebe tuot dem herzen baz: 15
der liebe gêt diu schœne nâch.
Liebe machet schœne wîp:
des mac diu schœne niht getuon; si machet niemer lieben lîp.

4. Ich vertrage als ich vertruoc
und als ich iemer wil vertragen. 20
Dû bist schœne und hâst genuoc:
waz mugen si mir dâ von sagen?
Swaz si sagen, ich bin dir holt,
und nim dîn glesîn vingerlîn für einer küneginne golt.

5. Hâst dû triuwe und stætekeit, 25
sô bin ich des ân angest gar
Daz mir iemer herzeleit
mit dînem willen widervar.
Hâst aber dû der zweier niht,
so müezest dû mîn niemer werden. owê danne, ob daz geschicht ! 30


Wap.24: (Mädchenlied)

1. ‘Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ mugt ir vinden
schône beide 5
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

2. Ich kam gegangen 10
zuo der ouwe:
dô was mîn vriedel komen ê.
dâ wart ich enpfangen:
"hêre frouwe!"
daz ich bin sælic iemer mê. 15
kuste er mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.

3. Dô het er gemachet
alsô rîche 20
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt ieman an das selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac, 25
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

4. Daz er bî mir læge,
wessez iemen (nû enwelle got!),
sô schamt ich mich. 30
wes er mit mir pflæge
niemer niemen
bevinde daz wan er und ich,
und ein kleinez vogellîn:
tandaradei, 35
daz mac wol getriuwe sîn.’


Wap.26: (‘Lied der Neuen Hohen Minne’ Wap.)

1. Aller werdekeit ein füegerinne,
daz sît ir zewâre, frouwe Mâze:
er sælic man, der iuwer lêre hât !
Der endarf sich iuwer niender inne
weder ze hove schamen noch an der strâze: 5
dur daz sô suoche ich, frouwe, iuwern rât,
Daz ir mich ebene werben lêret.
wirbe ich nidere, wirbe ich hôhe, ich bin versêret.
ich was vil nâch ze nidere tôt,
nû bin aber ze hôhe siech: 10
unmâze enlât mich âne nôt.

2. Nideriu minne heizet diu sô swachet
daz der muot nâch kranker liebe ringet:
diu minne tuot unlobelîche wê.
Hôhiu minne heizet diu dâ machet 15
daz der muot nâch hôher wirde ûf swinget:
diu winket mir nû, daz ich mit ir gê.
Mich wundert wes diu Mâze beitet.
kumet diu herzeliebe, ich bin iedoch verleitet.
mîn ougen hânt ein wîp ersehen, 20
swie minneclich ir rede sî,
mir mac wol schade von ir geschehen.


Wap.28: (‘Lied der Neuen Hohen Minne’ Wap.)

1. Ob ich mich selben rüemen sol,
sô bin ich des ein hübescher man,
Daz ich sô mange unfuoge dol
sô wol als ichz gerechen kan.
Ein klôsenære, ob erz vertrüege? ich wæne, er nein. 5
hæt er die stat als ich si hân,
bestüende in danne ein zörnelîn,
ez wurde unsanfte widertân,
swie sanfte ichz alsô lâze sîn,
daz und ouch mê vertrage ich doch dur eteswaz: 10

2. Frouwe, ir habt mir geseit alsô,
swer mir beswære mînen muot,
Daz ich den mache wider frô:
er schame sich lîhte und werde guot.
Diu lêre, ob si mit triuwen sî, daz schîne an iu. 15
ich fröwe iuch, ir beswæret mich:
des schamt iuch – ob ichz reden getar! –,
lât iuwer wort niht velschen sich,
und werdet guot: sô habt ir wâr.
vil guot sît ir, wan daz ich guot von guote wil. 20

3. Frouwe, ir sît schœne und sît ouch wert:
den zwein stêt wol genâde bî.
Waz schadet iu daz man iuwer gert?
joch sint iedoch gedanke frî.
Wân unde wunsch daz wolde ich allez ledic lân: 25
nû höveschent mîne sinne dar.
waz mag ichz, gebents iu mînen sanc?
des nement ir lîhte niender war:
sô hân ichz doch vil hôhen danc.
treit iuch mîn lop ze hove, daz ist mîn werdekeit. 30

4. Frouwe, ir habet ein vil werdez tach
an iuch geslouft, den reinen lîp.
Wan ich nie bezzer kleit gesach,
ir sît ein wol bekleidet wîp.
Sin unde sælde sint gesteppet wol dar in. 35
getragene wât ich nie genan:
wan dise næm ich als gerne ich lebe.
der keiser wurde ir spileman,
umb alsô wünneclîche gebe.
dâ keiser spil. nein, herre keiser, anderswâ! 40


Wap.31: (‘aus den letzten Liedern’ Wap.)

1. Frô welt, ir sult dem wirte sagen
daz ich im gar vergolten habe.
Mîn grôziu gülte ist abe geslagen,
daz er mich von dem breive schabe.
Swer ime iht sol, der mac wol sorgen. 5
ê ich im lange schuldic wære, ich wolt ê z’einem juden borgen.
er swîget unz an einen tac:
sô wil er danne ein wette hân,
sô jener niht vergelten mac.

2. "Walther, du zürnest âne nôt; 10
dû solt bî mir belîben hie.
Gedenke waz ich dir enbôt,
waz ich dir dînes willen lie,
Als dicke dû mich sêre bæte.
mir was viol inneclîche leit daz dû daz ie sô selten tæte. 15
bedenke dich, dîn leben ist guot.
sô dû mir rehte widersagest,
sô wirst dû nimer wol gemuot."

3. Frô welt, ich hân zu vil gesogen:
ich wil entwonen, des ist zît. 20
Dîn zart hât mich vil nâch betrogen,
wand er vil süezer fröiden gît.
Dô ich dich gesach reht under ougen,
dô was dîn [schœne an ze] schouwen wunderlich al sunder lougen:
doch was der schanden alse vil, 25
dô ich dîn hinden wart gewar,
daz ich dich iemer schelten wil.

4. "Sît ich dich niht erwenden mac,
sô tuo doch eine dinc des ich ger:
Gedenke and manegen liehten tac, 30
und sich doch underwîlent her
Niuwan sô dich der zît betrâge."
daz tæte ich wunderlîchen gerne, wan deich fürhte dîne lâge,
vor der sich niemen kan bewarn.
got gebe iu, frouwe, guote naht: 35
ich wil ze herberge varn.


Wap.32: (‘aus den letzten Liedern’ Wap.)

1. Ir reinen wîp, ir werden man,
ez stêt alsô daz man mir muoz
Er unde minneclîchen gruoz
noch volleclîcher bieten an.
Des habet ir von schulden grœzer reht dan ê; 5
welt ir venemen, ich sage iu wes.
wol vierzec jâr hab ich gesungen oder mê
von minnen und als iemen sol.
dô was ichs mit den andern geil.
nû enwirt mirs niht, ez wirt iu gar. 10
mîn minnesanc der diene iu dar,
und iuwer hulde sî mîn teil.

2. Lât mich an eime stabe gân
und werben umbe werdekeit
Mit unverzageter arebeit, 15
als ich von kind habe getân:
Sô bin ich doch, swie nider ich sî, der werden ein,
genuoc in mîner mâze hô.
daz müet die nideren, ob mich daz iht swache? nein,
die werden hânt mich deste baz. 20
diu wernde wirde diust sô guot,
daz man irz hœhste lop sol geben.
ezn wart nie lobelîcher leben,
swer sô dem ende rehte tuot.

3. Welt, ich hân dînen lôn ersehen: 25
swaz dû mir gîst, daz nimest dû mir.
Wir scheiden alle blôz von dir.
scham dich, sol mir alsô geschehen.
Ich hân lîp unde sêle (des was gar ze vil)
gewâget tûsentstunt dur dich: 30
nû bin ich alt und hâst mit mir dîn gampelspil,
und zürn ich daz, sô lachest dû.
nû lache uns eione wîle noch:
dîn jâmertac wil schiere komen,
und nimet dir swazt uns hâst benomen, 35
und brennet dich dar umbe iedoch.

4. Ich hât eine schœnez bild erkorn:
owê daz ich ez ie gesach
Ald ie sô vil zuoz ime gesprach!
ez hât schœn unde rede verlorn. 40
Dâ wonte ein wunder inne: daz fuor ine weiz wâr,
dâ von gesweic daz bilde iesâ.
sîn liljerôsevarwe wart sô karkelvar,
daz ez verlôs smac unde schîn.
mîn bilde, ob ich bekerkelt bin 45
in dir, sô lâ mich ûz alsô
daz wir ein ander vinden vrô:
wan ich muoz aber wider in.

5. Mîn sêle müeze wol gevarn!
ich hân zer welte manegen lîp 50
Gemachet frô, man unde wîp:
künd ich darunder mich bewarn!
Lobe ich des lîbes minne, deis der sêle leit:
si giht, ez sî ein lüge, ich tobe.
der wâren minne giht sî ganzer stætekeit, 55
wie guot si sî, wies iemer wer.
lîp, lâ die minne diu dich lât,
und habe die stæten minne wert:
mich dunket, der dû hâst gegert,
diu sî niht visch unz an den grât. 60


Wap.33: (‘aus den letzten Liedern’ Wap.)

1. Owê, war sint verswunden
ist mir mîn leben getroumet,
daz ich ie wânde ez wære,
dar nâch hâ ich geslâfen
nû bin ich erwachet,
daz mir hie vor was kündic
liut unde lant, dar inn ich
die sint mir worden vrömde
die mîne gespilen wâren,
bereitet ist daz velt,
wan daz daz wazzer fliuzet
für wâr mîn ungelücke
mich grüezet maneger trâge,
diu welt ist allenthalben
als ich gedenke an manegen
die mir sint enpfallen
iemer mêre, owê.
alliu mîniu jâr!
oder ist ez wâr?
was daz allez iht?
und enweiz es niht.
und ist mir unbekant 5
als mîn ander hant.
von kinde bin erzogen,
reht als ez sî gelogen.
die sint træge unt alt.
verhouwen ist der walt: 10
als ez wîlent flôz,
wânde ich wurde grôz.
der mich bekande ê wol.
ungenâden vol.
wünneclîchen tac, 15
als in daz mêr ein slac,
2. Owê, wie jæmerlîche
den ê vil hovelîchen
die kunnen niuwan sorgen:
swar ich zer werlte kêre,
tanzen, lachen, singen
nie kristenman gesæhe
nû merket wie den vrouwen
die stolzen ritter tragent
uns sint unsenfte brieve
uns ist erloubet trûren
daz müet mich inneclîchen
daz ich nû für mîn lachen
die vogel in der wilde
waz wunders ist ob ich dâ von
wê, waz spriche ich tumber
swer dirre wünne volget,
iemer mêr owê.
junge liute tuont,
ir gemüete stuont !
owê, wie tuont si sô? 20
dâ ist niemen frô:
zergât mit sorgen gar:
sô jæmerlîche schar.
ir gebende stât;
dörpellîche wât. 25
her von Rôme komen,
unde fröide gar benomen.
(wir lebten ê vil wol),
weinen kiesen sol.
betrüebet unser klage: 30
an fröiden gar verzage?
durch mînen bœsen zorn?
hât jene dort verlorn.
3. Owê, wie uns mit süezen
ich sihe die bittern gallen
diu Welt ist ûzen schœne:
und innân swarzer varwe,
swen si nû habe verleitet,
er wirt mit swacher buoze
dar an gedenket, ritter:
ir traget die liehten helme
dar zuo die vesten schilte
wolte got, wan wære ich
sô wolt ich, nôtic armman,
joch meine ich niht die huoben
ich wolte sælden krône
die moht ein soldenære
möht ich die lieben reise
sô wolte ich denne singen wol,
niemer mêr, owê.
dingen ist vergeben! 35
in dem honege sweben.
wîz, grüen unde rôt,
vinster sam der tôt.
der schouwe sînen trôst:
grôzer sünde erlôst. 40
ez ist iuwer dinc.
und manegen herten rinc;
und diu gewîhten swert.
der segenunge wert !
verdienen rîchen solt. 45
noch der hêrren golt:
êweclîchen tragen:
mit sîme sper bejagen.
gevaren über sê,
und niemer mêr: owê; 50

B. Religiöse Lieder.

(Walther’s Leich, Wap.no.75, has not been transcribed only because of its length.)

 

Wap.34: (Palästinalied)

1. Allerêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündig ouge siht
Daz reine lant und ouch die erde
den man sô vil êren giht.
Mirst geschehen des ich ie bat, 5
Ich bin komen an die stat
dâ got mennischlîchen trat.

2. Schœniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
Sô bist duz ir aller êre. 10
waz ist wunders hie geschehen!
Daz ein magt ein kint gebar
hêrre über aller engel schar,
was daz niht ein wunder gar?

3. Hie liez er sich reine toufen 15
daz er der mensch reine sî.
Sît liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
Anders wæren wir verlorn.
wol dir sper kriuz und dorn! 20
wê dir heiden! deist ir zorn.

4. Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, da’r inne lac.
Des was ie der vater geselle,
und der geist, den niemen mac 25
Sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne eine zein,
als er Abrahâme erschein.

5. Do er den tievel dô geschande,
daz nie keiser baz gestreit, 30
Dô fuor er her wider ze lande.
dô huob sich der juden leit,
Daz er hêrre ir huote brach,
und man in sît lebendic sach,
den ir hand sluoc unde stach. 35

6. In diz lant hât er gesprochen
einen angeslîchen tac,
Dâ diu witwe wirt gerochen
und der weise klagen mac
Und der arme den gewalt 40
der dâ wirt an ime gestalt.
wol im dort, der hie vergalt!

7. Kristen juden unde heiden
jehent daz diz ir erbe sî:
Got müeze ez ze rehte scheiden 45
durch die sîne namen drî.
Al diu welt diu strîtet her:
wir sîn an der rehten ger,
reht ist daz er uns gewer.


C. Politische Lieder

 

Wap.35: (Sprüche unter Philipp. Reichston)

Ich hôrte ein wazzer diezen
und sach die vische fliezen;
ich sach swaz in der werlte was:
velt walt loup rôr unde gras.
swaz kriuchet unde fliuget 5
und bein zer erde biuget,
daz sach ich unde sage iu daz:
der keinez lebet âne haz.
daz wilt und daz gewürme
die strîtent starke stürme, 10
sam tuont die vogel under in,
wan daz si habent einen sin:
si dûhten sich ze nihte,
si enschüefen starc gerihte.
si kiesent künege unde reht, 15
si setzent hêrren unde kneht.
sô wê dir, tiuschiu zunge,
wie stêt dîn ordenunge,
daz nû diu mugge ir künec hât,
und daz dîn êre alsô zergât! 20
bekêrâ dich, bekêre!
die cirkel sint ze hêre,
ie armen künege dringent dich:
Philippe setze den weisen ûf und heiz si treten hinder sich!


Wap.36: (Sprüche unter Philipp. Reichston)

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine;
dar ûf satzt’ ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange. 5
dô dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.
deheinen rât kond ich gegeben,
wie man driu dinc erwurbe,
der keines niht verdurbe. 10
diu zwei sint êre und varnde guot,
daz dick’ ein ander schaden tuot;
daz dritte ist gotes hulde,
der zweier über gulde.
die wolte ich gerne in einen schrîn: 15
jâ leider desn mac niht gesîn,
daz guot und werltlich êre
und gotes hulde mêre
zesamene in ein herze komen:
stîg’ und wege sint in benomen. 20
untriuwe ist in der sâze,
gewalt vert ûf der strâze,
fride und reht sint sêre wunt.
diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.


Wap.37: (Sprüche unter Philipp. Reichston)

Ich sach mit mînen ougen
mann’ unde wîbe tougen,
daz ich gehôrte und gesach
swaz iemen tet, swaz iemen sprach.
ze Rôme hôrte ich liegen 5
und zwêne künege triegen.
dâ von huop sich der meiste strît,
der ê was oder iemer sît,
dô sich begunden zweien
die pfaffen unde leien. 10
daz was ein nôt vor aller nôt:
lîp unde sêle lac dâ tôt.
die pfaffen striten sêre,
doch wart der leien mêre.
diu swert diu leiten si dernider 15
und griffen zuo der stôle wider.
si bienen die si wolten
und niht den si solten.
dô stôrte man diu goteshûs.
ich hôrte verre in einer klûs 20
vil michel ungebaere:
dâ weinte ein klôsenaere,
er klagete gote sîniu leit:
‘Owê der bâbest ist ze junc: hilf, hêrre, dîner kristenheit!’


Wap.40: (Sprüche unter Philipp.)

Dô Friderich ûz Osterrîch alsô gewarp,
daz er an der sêle genas und im der lîp erstarp,
dô fuort er mînen krenechen trit in d’erde.
Dô gieng ich slîchent als ein pfâwe swar ich gie;
daz houbet hanhte ich nider unz ûf mîniu knie: 5
nû riht ich ez ûf nâch vollem werde.
Ich bin wol ze fiure komen,
mich hât daz rîche und ouch diu krône an sich genomen.
wol ûf, swer tanzen welle nâch der gîgen!
mir ist mîner swære buoz: 10
êrste wil ich eben setzen mînen fuoz
und wider in ein hôhgemüete stîgen.


Wap.41: (Sprüche unter Philipp.)

Künc Konstantin der gap sô vil,
als ich ez iu bescheiden wil,
dem stuol ze Rôme: sper, kriuz unde krône.
Zehant der engel lûte schrê
"owê, owê, zem dritten wê! 5
ê stuont diu kristenheit mit zühten schône:
Der ist nu ein gift gevallen,
ir honec ist worden zeiner gallen.
daz wirt der werlt her nâch vil leit."
alle fürsten lebent nû mit êren, 10
wan der hœhste ist geswachet:
daz hât der pfaffen wal gemachet.
daz sî dir, süezer got, gekleit.
die pfaffen wellent leien reht verkêren.
der engel hât uns wâr geseit. 15


Wap.44:

Philippe, künec hêre,
si gebent dir alle heiles wort
und wolden liep nach leide.
Nu hâst dû guot und êre;
daz ist wol zweier künege hort: 5
diu gip der milte beide.
Der milte lôn ist sô diu sât,
diu wünneclîche wider gât
dar nach man si geworfen hât:
wirf von dir milteclîche! 10
swelch künec der milte geben kan,
si gît im daz er nie gewan.
wie Alexander sich versan!
der gap und gap, und gap sim elliu rîche.


Wap.47: (Sprüche unter Otto. Ottenton.)

Hêr keiser, ich bin fônebote
und bring iu boteschaft von gote:
ir habt die erde, er hât daz himelrîche.
Er hiez iu klagen (ir sît sîn voget):
in sîes sunes lande broget 5
diu heidenschaft iu beiden lasterlîche.
Ir muget im gerne rihten:
sîn sun der ist geheizen Krist,
er hiez iu sagen wie erz verschulden welle:
nû lât in zuo iu pflihten. 10
er rihtet iu da er voget ist,
klagt ir joch über den tievel ûz der helle.


Wap.48: (Sprüche unter Otto. Ottenton.)

Hêr bâbest, ich mac wol genesen,
wan ich wil iu gehôrsam wesen:
wir hôrten iuch der kristenheit gebieten
Wes wir dem keiser solten pflegen,
dô ir im gâbet gotes segen, 5
daz wir in hiezen "hêrre" und vor im knieten.
Ouch sult ir niht vergezzen,
ir sprâchet "swer dich segene, sî
gesegent; swer dir fluoche, sî verfluochet
mit vluoche volmezzen". 10
durch got bedenket iuch dâ bî –
ob ir der pfaffen êre iht geruochet.


Wap.49: (Sprüche unter Otto. Ottenton.)

Dô gotes sun hie in erde gie,
do versuochten in die juden ie.
sam tâtens eines tages mit dirre frâge:
Si frageten ob ir frîez leben
dem rîche iht zinses solte geben. 5
dô brach er in die houte und al ir lâge.
Er iesch ein münizîsen;
er sprach: "wes bilde ist hie ergraben?"
"des keisers", sprâchen dô die merkære.
dô riet er den unwîsen 10
daz si den keiser liezen haben
sîn küneges reht, und got swaz gotes wære.


Wap.50: (Sprüche unter Otto. Unmutston. Zweiter Ottenton.)

Ir bischofe und ir edeln pfaffen sît verleitet:
seht wie iuch der bâbest mit des tievels stricken seitet.
saget ir uns daz er Sant Peters slüzzel habe,
sô saget war umbe er sîne lêre von den buochen schabe.
daz man gotes gâbe iht koufe oder verkoufe, 5
daz wart uns verboten bî der toufe.
nû lêretz in sîn swarzez buoch, daz ime der hellemôr
hât gegeben, und liset ûz iu sîniu rôr.
ir kardenâle, ir decket iuwern kôr:
unser alter frône der stêt under einer üblen troufe. 10


Wap.51: (Sprüche unter Otto. Unmutston. Zweiter Ottenton.)

Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet,
swenne er sînen Walhen seit "ich hânz also gemachet!"
daz er dâ seit, des solt er niemer hân gedâht.
er giht "ich hân zwên Almân under eine krône brâht,
daz si’z rîche sulen stoeren unde wasten: 5
ie dar under füllen wir die kasten!
ich hâns an mînen stoc gement, ir guot ist allez mîn,
ir tiuschez silber vert in mînen welschen schrîn.
ir pfaffen, ezzet hüener und trinket wîn
und lât die tiutschen leien magern unde vasten!" 10


Wap.52: (Sprüche unter Otto. Unmutston. Zweiter Ottenton.)

Sagt an, hêr Stoc, hât iuch der bâbest her gesendet,
daz ir in rîchet und uns tiutschen ermet unde pfendet?
swenn im diu volle mâze kumt ze Laterân,
sô tuot er einen argen list, als er ê hât getân:
er seit unds danne wie daz rîche stê verwarren, 5
unz in erfüllent aber alle pfarren.
ich wæn des silbers wênic kumet ze helfe in gotes lant:
grôzen hort zerteilet selten pfaffen hant.
hêr Stoc, ir sint ûf schaden her gesant,
daz ir ûz tiutschen liuten suochet tœrinne unde narren. 10


Wap.53: (Sprüche unter Otto. Unmutston. Zweiter Ottenton.)

Swelch herze sich bî disen zîten niht verkêret,
sît daz der bâbest selbe dort den ungelouben mêret,
dâ wont ein sælic geist und gotes minne bî.
nu seht ir waz der pfaffen werc und waz ir lêre sî.
ê dô was ir lêre bî den werken reine. 5
nu sint si aber anders sô gemeine,
daz wirs unrehte würken sehen, unrehte hœren sagen,
die uns guoter lêre bilde solden tragen.
des mugen wir tumbe leien wol verzagen.
wæn aber mîn guoter klôsenære klage und sêre weine. 10


Wap.54: (Sprüche unter Otto. Unmutston. Zweiter Ottenton.)

"Sît willekomen, hêr wirt": dem gruoz muoz ich swîgen.
"sît willekomen, hêr gast": sô muoz ich sprechen oder nîgen.
‘wirt’ unde ‘heim’ sint zwêne unschamelîche namen;
‘gats’ und ‘hereberge’ muoz man sich vil dicke schamen.
noch müez ich geleben daz ich den gast ouch grüeze, 5
sô daz er mir dem wirte danken müeze.
"sît hînacht hie, sît morgen dort", waz gougelfuore ist daz!
"ich bin heime", ode "ich wil heim", daz trœstet baz.
gast unde schach kumt selten âne haz:
nû büezet mir des gastes, daz iu got des schaches büeze! 10


Wap.55: (Sprüche unter Friedrich II. König Friedrichton.)

Vil wol gelobter got, wie selten ich dich prîse,
sît ich von dir beide wort hân unde wîse!
wie getar ich sô gefreveln under dîme rîse?
Ich tuon diu rehten werc, ichn hân die wâren minne
ze mînem ebenkristen, hêrre vater, noch ze dir: 5
sô holt enwart ich ir dekeinem nie sô mir.
Krist, vater unde sun, dîn geist berihte mîne sinne.
Wie solte ich den geminnen der mir übele tuot?
mir muoz der iemer lieber sîn, der mir ist guot.
vergib mir anders mîne schulde, ich wil noch haben den muot. 10


Wap.58: (Sprüche unter Friedrich II. König Friedrichton.)

Von Rôme vogt, von Pülle künec, lât iuch erbarmen
daz man mich bî sô rîcher kunst lât alsus armen.
gerne wolde ich, möhte ez sîn, bî eigenem fiure erwarmen.
Zâhiu, wie ich danne sunge von den vogellînen,
von der heide und von den bluomen, als ich wîlent sanc! 5
swelch schœne wîp mir denne gæbe ir habedanc,
der liez ich liljen unde rôsen ûz ir wengel schînen.
Sus kume ich spâte und rîte fruo, "gast, wê dir, wê!":
sô mac der wirt baz singen von dem grüenem klê.
die nôt bedenket, milter künec, daz iuwer nôt zergê! 10


Wap.59: (Sprüche unter Friedrich II. König Friedrichton.)

Ich hân mîn lêhen, al die werlt, Ich hân mîn lêhen.
nû enfürhte ich niht den hornunc an die zêhen,
und will alle boese hêrren deste minre flêhen.
Der edel künec, der milte künec hât mich berâten,
daz ich den sumer luft und in dem winter hitze hân. 5
mîn nâhgebûren dunke ich verre baz getân:
si sehent mich niht mêr an in butzen wîs als sî wîlent tâten.
Ich bin ze lange arm gewesen â mînen danc.
ich was sô voller scheltens daz mîn âten stanc:
daz hât der künec gemachet reine, und dar zuo mînen sanc. 10


Wap.60: (Sprüche an einige Fürsten des Reichs. Leopoldston.)

Drî sorge habe ich mir genomen:
möcht ich der einer z’ende komen,
sô wære wol getân ze mînen dingen.
Iedoch swaz mir dâ von geschiht,
in scheid ir von ein ander niht: 5
mir mac an allen drin noch wol gelingen.
Gotes hulde und mîner frouwen minne,
dar umbe sorge ich, wie ich die gewinne;
daz dritte hât sich mî erwert unrehte manegen tac.
daz ist der wünneclîche hof ze Wiene:
ine gehirme niemer unz ich den verdiene,
sît er sô maneger tugende mit sô stæter triuwe pflac.
man sach Liupoltes hant dâ geben, daz so des niht erschrac. 10


Wap.61: (Sprüche an einige Fürsten des Reichs. Wiener Hofton)

Mir ist verspart der sælden tor:
dâ stên ich als ein weise vor:
mich hilfet niht, swaz ich dar an geklopfe.
Wie möht ein wunder grœzer sîn:
ez regent beidenthalben mîn, 5
daz mir des allez niht enwirt ein tropfe.
Des fürsten milte ûz Osterrîche
fröit dem süezen regen gelîche
bidiu liute unt ouch daz lant.
ez ist ein schœne wol gezieret heide, 10
dar abe man brichet bluomen wunder.
bræche mir ein blat darunder
sîn vil milte rîchiu hant,
sô möhte ich loben die liehten ougenweide.
hie bî sî er an mich gemant. 15


Wap.62: (Sprüche an einige Fürsten des Reichs. Unmutston. Zweiter Ottenton)

Nû wil ich mich des scharphen sanges ouch genieten.
dâ ich ie mit vorhten bat, dâ wil ich nu gebieten.
ich sihe wol daz man hêrren guot und wîbes gruoz
gewalteclîch und ungezogenlîch erwerben muoz.
singe ich mînen höveschen sanc, sô klagent siz Stollen. 5
dêswâr, ich gewinne ouch lîhte knollen.
sît si die schalkheit wellen, ich gemache in vollen kragen.
ze Osterrîche lernte ich singen unde sagen.
dâ wil ich mich allerêrst beklagen:
vind ich an Liupolt höveschen trôst, so ist mir mîn muot entswollen. 10


Wap.63: (Sprüche an einige Fürsten des Reichs. Erster Phillipston)

Der in den ôren siech von ungesühte sî,
daz ist mîn rât, der lâz den hof ze Dürengen frî:
wan kumet er dar, dêswâr, er wirt ertœret.
Ich hân gedrungen unz ich niht mê dringen mac:
ein schar vert ûz, diu ander in, naht unde tac. 5
grôz wunder ist, daz iemen dâ gehœret.
Der lantgrâve ist sô gemuot
daz er mit stolzen helden sîne habe vertuot,
der iegeslîcher ein kenpfe wære.
mir ist sîn hôhiu fuore kunt:
und gulte ein fuoder guotes wînes tûsend pfunt,
dâ stüende ouch niemer ritters becher lære.


Wap.66: (‘Sprüche der Begegnung und Lebensweisheit’ Wap.)
1. Niemen kan mit gerten
kindes zuht beherten.
den man z’êren bringen mac,
dem ist ein wort als ein slac.
dem ist ein wort als ein slac 5
den man z’êren bringen mac.
kindes zuht beherten
niemen kan mit gerten.

2. Hüetet iuwer zungen,
daz zimt wol den jiungen. 10
stôz den rigel für die tür,
lâ kein bœse wort dar für.
lâ kein bœse wort dar für,
stôz den rigel für die tür.
daz zimt wol den jiungen. 15
Hüetet iuwer zungen.

3. Hüetet iuwer ougen
offenbâr und tougen.
lât si guote site spehen
und die bœsen übersehen. 20
und die bœsen übersehen
lât si, guote site spehen.
offenbâr und tougen
Hüetet iuwer ougen.

4. Hüetet iuwer ôren, 25
oder ir sît tôren.
lât ir bœsiu wort dar in,
daz gunêret iu den sin.
daz gunêret iu den sin,
lât ir bœsiu wort dar in. 30
oder ir sît tôren,
Hüetet iuwer ôren.

5. Hüetet wol der drîer
leider alze frîer.
zungen, ougen, ôren sint 35
dicke schalchaft, z’êren blint.
dicke schalchaft, z’êren blint.
zungen, ougen, ôren sint.
leider alze frîer
Hüetet wol der drîer. 40


Wap.67: (‘Sprüche der Begegnung und Lebensweisheit’ Wap.)

Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hû mit êren stê:
dar kêrte mêre dan eine mîle von der strâze.
Ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enkan 5
verstân und mich sô vil an fremde liute lâze.
Ich schiltes niht, wan got genâde uns beiden.
ich nam dâ wazzer:
alsô nazzer
muost ich von des münches tische scheiden. 10


Wap.69: (‘Sprüche der Begegnung und Lebensweisheit’ Wap. Leopoldston.)

Rît ze hove, Dietrich !
"hêrre, in mac." waz irret dich?
"ich hân niht rosses, daz ich dar gerîte."
Ich lîh dir einz, und wilt dû daz.
"Hêrre, gerîte al deste baz." 5
nû stânt alsô noch eine wîle, bîte!
Weder rîtest gerner eine guldî katzen,
alder einen wunderlîchen Gêrhart Atzen?
"semir got, und æze ez höi, ez wær ein fremdez pfert.
im gênt diu ougen umbe als einem affen, 10
er ist als ein guggaldei geschaffen.
den selben Atzen gebet mir her: sô bin ich wol gewert."
nû krümbe dîn bein, var selbe heim, sît dû Atzen hast gegert.


Wap.70: (‘Sprüche der Begegnung und Lebensweisheit’ Wap. Bognerton)

Wer sleht den lewen? wer sleht den risen?
wer überwindet jenen unde disen?
daz tuot einer der sich selber twinget
und alliu sîniu lit in huote bringet
ûz der wilde in stæter zühte habe. 5
geligeniu zuht und schame vor gesten
mugen wol eine wîle erglesten:
der schîn nimt wol drâte ûf unt abe.